6. Budopädagogik-Kongress 2013 in Hünenberg (Schweiz) – „Innere und äußere Haltung – Lernen für das Leben“

Werner Lussi, Sozialpädagoge, Budopädagoge und Meistergrad der Budopädagogik richtete am 09.11.2013 den Kongress unter dem Thema „Innere und äußere Haltung – Lernen für das Leben“ aus. 40 Teilnehmer waren seiner Einladung in das ‚Budo-Yamabushi-Dojo‘, Zentrumstrasse 12, in Hünenberg (CH) gefolgt.

Inhalte waren das Kennenlernen der Budopädagogik unter Vereinigung der einzelnen asiatischen Stilrichtungs-Schwerpunkte sowie meditative Übungen nach dem Begründer Dr. phil. Jörg-Michael Wolters als erfolgreiche Disziplin in Pädagogik und Therapie.

Nach Begrüßung der Teilnehmer durch den Ausrichter Werner Lussi in der Aula des Hünenberger Schulzentrums stellte der 1. Vorsitzende des Berufsverbandes der Budopädagogen und Budopädagoginnen (BvBP) e.V., Ralf Gelowicz, die Körperschaft mit ihren Aufgaben vor, zu denen u.a. die gemeinnützige Organisation, Förderung und Finanzierung von Kongress-Veranstaltungen gehört. Gelowicz skizzierte in einem kurzen Überblick, dass die Budopädagogik ein noch junges Fach sei, welches sich in den 1990er Jahren nach und nach etablierte. Seit 1999 gibt es eine entsprechende berufsbegleitende Weiterbildung am Institut für Budopädagogik (IfBP) in Stade. Bis 2010 fand diese in Kooperation mit dem ‚Institut für Jugendarbeit‘ in Gauting bei München statt. Seit 2011 ist das ‚Institut für Budopädagogik‘ alleiniger Anbieter. Die Pionierarbeit zum Werdegang der Weiterbildung wurde maßgeblich von Herrn Dr. Jörg-Michael Wolters sowohl wissenschaftlich als auch instrumentell geleistet. Daher bezeichnet man ihn auch als den Begründer der Budopädagogik.

Ralf Gelowicz gab dann das Wort an den nächsten Referenten, Urs Albisser, Internatsleiter und Schulrektor i. R. weiter, der zum Thema „Körperhaltung und Bewegung: Spiegel der inneren Haltung“ referierte. Das Thema lasse sich durch die Budopädagogik in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Ausbau sozialer Kompetenz sowie ‚Sich selbst und andere bewusst wahrnehmen‘ erheblich beeinflussen. Dies decke sich mit den Zielsetzungen von Dr. Jörg-Michael Wolters aus dessen Buch mit dem Titel ‚Budopädagogik‘ im Sinne von Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, Erlernen von Selbstbeherrschung und Respekt vor dem/der Anderen. Als besonders wichtig bezeichnete Albisser die Erkenntnis der Anerkennung des ‚Weges als Ziel‘. Es bedürfe der Disziplin eines immer wiederkehrenden Übens! Dazu gäbe es Zusammenhänge in der neueren Hirnforschung. Er nannte herbei die Praxisfelder der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom), ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung), Aggressionen und Depressionen sowie Autismus-Spektrumsstörungen. Albisser stellte zum Schluss klar, dass Emotionen beim Lernen eine zentrale Rolle spielen. Beim Lernen unter Angst werde diese ‚mitgelernt‘ und erscheint wieder, wenn das Gelernte abgerufen wird. Lernen sollte daher in einer angstfreien, positiven Atmosphäre stattfinden, wenn die heutige Jugend sich als Erwachsene den ‚Problemen von Morgen‘ stellen solle. Durch die Budopädagogik hätten viele Kinder und Jugendliche ein anderes selbstbewussteres und sozialeres Auftreten erlernt, das sich in Körperhaltung und Bewegung zeige. Ergänzende Methoden seien hier z.B. Erlebnispädagogik oder heilpädagogisches Reiten als lösungsorientierte Ansätze. Die Einbettung der Budopädagogik in die individuelle Förderplanung bleibe wichtig. Denn nicht jedes Kind / jeder Jugendliche brauche auch das Gleiche. Albisser schloss mit dem Satz: „Dranbleiben! Aus einem Trampelpfad eine Autobahn machen!

Nach dieser theoretischen Einführung hatten die Teilnehmer Gelegenheit, im ersten Workshop die entsprechende Praxis im Dojo zu erfahren. Das Thema lautete „Über Kontakt in die Bewegung!“ Der Leiter war Oliver Paganini, Budopädagoge und Feldenkrais-Lehrer. Als Ziel dieses Workshops galt es, Berührungsängste zu überwinden und sie zu rhythmisch-spielerischen Bewegungselementen zu entwickeln. Aktion und nachgebende Reaktion war hier der Inhalt, ebenso die Beruhigung des Partners zu erfahren und Vertrauen zu entwickeln.

Nach einem Lunch mit leckeren belegten Schweizer Broten und einer reichhaltigen Auswahl an Getränken referierte Ralf Gelowicz zum Thema „Von den Wesenselementen des Budo zum Wesen des Menschen“. In einer Gliederung stellte er den historischen Ursprung europäischer Pädagogik mit der Asiens gegenüber:

Europäisches MenschenbildAsiatisch-östliches Menschenbild
Christentum: erlösungswürdiges, bedürftiges Abbild Gottes

Humanismus: der Mensch als Individuum, Verwirklichung der bestmöglichen Persönlichkeitsentfaltung

Aufklärung/Reformpädagogik: vernunftbegabter Mensch soll sich selbst erkennen, eigene Belange und die Gesellschaft vernünftig regeln

Völkisch nationale Strömung: totalitärer Erziehungs- und Machtanspruch allen Menschen gegenüber

Postmoderne: Mensch als ganzheitliches soziales Wesen
Buddhismus: großer Einfluss, ‚Begierde‘ als Grundübel der Welt, ‚Achtgliedriger buddhistischer Pfad‘ als Lösung

Shintoismus (Japan): Verehrung der Natur

Zen-Buddhismus (Japan): konzentriertes Sitzen, meditative Versenkung

Hinduismus (Indien): Gott und Mensch fallen in Eins

Weg der Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung, Selbsterziehung


Europäische Pädagogik, so Gelowicz weiter, versteht sich als Reflexionswissenschaft über Bildung und Erziehung sowie als Handlungswissenschaft mit konkreten Anweisungen und Methoden zur Bildung und Erziehung des Menschen. Die 68er-Bewegung stellte dies mit der Ablehnung rigider Autoritätsstrukturen und der Entwicklung der ‚Antiautoritären Erziehung‘ in Frage. Hieraus entwickelte sich eine Antipädagogik mit der Ablehnung von Erziehung schlechthin. Aktuell seien heute ganzheitliche Erziehungs- und Bildungskonzepte zum Erwerb von sozialer Kompetenz und auch Wagnisbereitschaft. Nach dieser Gegenüberstellung des europäischen und des asiatisch-östlichen Menschenbildes leitete der Budopädagoge Ralf Gelowicz über zur Definition des Lernmodells der Budopädagogik analog seiner sechs Wesenselemente:

  • BU – Militärkrieger, Speer, Schwert und Stopp, Kampf stoppen, beenden
  • DO – Weg, Methode Prozess, Gefahr der Irrlehren, Zweifel als Prüfung
  • DOJO – Ort des Weges: Raum des Übenden mit Gleichgesinnten ohne Konkurrenz und Bekämpfung, sondern helfende ‚heilende‘ Partner
  • REI-HO – Demut, Et(h)ikette als Struktur der Übungsstunde mit Angrüßen, Abgrüßen, Partnerarbeit, Toleranz
  • ZEN – ‚Geist‘, gemeint ist die Überwindung der Trennung von Körper und Geist
  • SHITEI – Lehrer/Schüler-Beziehung, von Herz zu Herz wie z. B. Vater/Sohn, Mutter/Tochter

Gelowicz zog das Resümee, dass Budopädagogik ganzheitlich wirke. Sie greift die Ganzheitlichkeit des Menschen auf, bewirkt Inneres durch äußere Handlungen. Dieser asiatische Ansatz verändert den westlichen Menschen, insbesondere Jugendliche mit emotionalen Defiziten. Die westlichen Bildungsziele Mündigkeit und Selbsterfahrung würden durch die Budopädagogik im Wesentlichen erreicht. Daher könne man von der Unterstützung des westlichen Menschenbildes und dessen Sozialisation durch die Budopädagogik sprechen.

Nach Ende dieses Referates von Ralf Gelowicz ging es noch einmal in zwei Workshops zu folgenden Themen:

„Takemusu: Spontaneität im Leben!“ Dieser Workshop fand unter der Leitung von Marcel Schriber, Budopädagoge und Sozialpädagoge, in der Sporthalle des Schulzentrums statt. Inhalt war die meditative Konfrontation und die heraus folgernde Reaktivität.

„Seishin – aufrichtige Menschen!“ Dieser Workshop wurde von Werner Lussi, dem Ausrichter der Veranstaltung im gemeindeeigenen Dojo persönlich geleitet. Es ging um die Erarbeitung von aktiven und reaktiven Aktionen, z.B. durch Berühren der Schulter eines Partners und der reaktiven Selbstverteidigung hierauf.

Im Abschlussplenum, welches wiederum in der Aula des Schulzentrums stattfand, konnten die Teilnehmer den aktiven Leitern und Referenten der Veranstaltung Fragen zur Klärung von Sachverhalten stellen sowie Informationen sammeln.

Aus dem Publikum kam die Frage nach dem Ansatz für das Wesentliche in der realen Arbeit. Hierauf lautete die Antwort, dass die genannten sechs Wesenselemente des Budo in die praktischen Arbeitsfelder mit spezifischen Gruppen einzubauen sind. Dabei müssten die Elemente durch die leitende Person mit Dasein, Präsenz vorgelebt werden, in Form von Zusammensein, Zusammenleben und Aushalten bestimmter Situationen. Jedoch solle man sich nicht einseitig auf die sechs Wesenselemente des Budo fixieren sondern müsse im Umgang damit die Flexibilität der einzelnen Denkstruktur im Blick haben. Die Wesenselemente des Budo seien als Lernen am Modell anzusehen. Man soll aber trotzdem die Person bleiben, die man selbst ist, im Zusammenwirken von Kopf, Herz und Hand sowie der Möglichkeit, Spiritualität anzusprechen und ohne Schauspielerei zu leben.

Eine weitere Frage behandelte die seltene Präsenz von Frauen im Bereich der Budopädagogik. Hierzu erklärte man, dass die Erfahrungen unterschiedlich seien. Männer kämen einfacher zu diesem Schritt als Frauen, da diese auch heute noch stark in die Familien eingebunden sind. Kampfaspekte würden außerdem eher Männer als Frauen ansprechen.

Damit ging um 17.00 Uhr eine in sich stimmige runde Veranstaltung zu Ende. Die Teilnehmer zeigten sich positiv überrascht und zufrieden mit den Erkenntnissen und Erfahrungen aus den beiden Referaten und den praktischen Workshops. Dafür noch einmal allen beteiligten Aktiven ein herzliches Dankeschön! Die Kongresse des Berufsverbandes der Budopädagogen und Budopädagoginnen (BvBP) e.V. sind immer wieder eine positive Anregung für die praktischen Arbeitsfelder der spezifischen Gruppen, mit denen wir arbeiten.

Bericht verfasst von: Hanna-Isabell Krämer, Hachenburg (Erzieherin, Budopädagogin und Sozialtrainerin)


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